Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 97, April 2003


Befreite Kinder Gottes

von Pfarrer Michael Comtesse

Altar-Antependium, 'Zerbrochenes Gitter mit Sonne'

Durch Spenden von Gemeindegliedern konnte ein neues Altarantependium für die Unionskirche in Neunkirchen angeschafft werden. Es wurde in der "Werkstatt für ev. Paramentik" in der Kaiserswerther Diakonie in Handarbeit hergestellt nach einem Entwurf von Prof. Kurt Wolff.

Das Tuch zeigt das Symbol: "Zerbrochenes Gitter mit Sonne". Der Hintergrund ist violett, die Kirchenfarbe für die Zeit der Buße. Dunkel ist der Rahmen im Vordergrund.

Das Gitter erinnert mich an das populäre neue Kirchenlied: "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer", wo es in der dritten Strophe heißt: "Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen, und nur durch Gitter sehen wir uns an". Unsere Beziehung zu Gott und unserer Beziehung zu unseren Mitmenschen ist gestört. Und beide Störungen stehen in einem ursächlichen Zusammenhang.

Wir leiden darunter, dass wir keine solche direkte Gottesbeziehung mehr haben, wie die Generationen vor uns, dass unser Glaube angefochten ist und wir uns mit dem Gebet schwer tun. Wir leiden unter der Vereinzelung, in der wir leben und sehnen uns voll Nostalgie zurück zu den Zeiten, als die Menschen noch bei der gemeinsamen Arbeit miteinander gesungen haben oder nach Feierabend auf der Bank zusammensaßen und erzählten.

Wir spüren: Gottschalk und Fliege sind dafür kein Ersatz.

Dieses Gitter des Gefängnisses der Isolation, in dem wir uns befinden, hat Gott zerbrochen. Mit der Geburt seines Sohnes an Weihnachten ist er Mensch geworden und uns nahe gekommen. Mit seinem Tod am Kreuz hat er unsere Schuld getilgt.

Durch das zerbrochene Gitter scheint die Sonne. Die Lichter des Himmels: Sonne, Sterne und Mond sind seit jeher Fixpunkte menschlichen Denkens. Weil es seinem Wesen nach vertraut, aber dennoch weithin unfassbar ist, wurde Licht in der Geschichte immer wieder zum bevorzugten Sinnbild für das Übersinnliche und für das Göttliche selbst.

Die Sonne steht für den, der von sich gesagt hat: "Ich bin das Licht der Welt". Deswegen wurde der Stall von Bethlehem und die biblische Weihnachtsgeschichte von Sternen und Lichterscheinungen erhellt. Und es erinnert an das Wort des Propheten Jesaja: "Das Volk, das im Finstem wandelt, sieht ein großes Licht".

Und das mit Silberfäden in die Sonne eingestickte Kreuz erinnert an die aufgehende Sonne am Ostermorgen.

Die Auferstehung Jesu gibt unserem Leben neue Perspektive. "Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg", heißt es im 119. Psalm.

Das Licht von Bethlehem und vom Ostermorgen will uns beflügeln, selbst Lichtträger zu werden getreu der Verheißung Jesu in der Bergpredigt: "Ihr seid das Licht der Welt". Möge dieses Antependium, das uns in unseren Gottesdiensten an Advent, in der Passionszeit und am Bu&szliG;- und Bettag begleitet, dazu ermutigen und beflügeln, dass auch wir zu solchen Lichtträgern werden, die all das, was uns gefangen hält und einengt, hinter sich lassen als befreite Kinder Gottes.

Ihr Michael Comtesse, Pfarrer

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