Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 98, Juni 2003


Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume

von Pfarrer Michael Comtesse

Wir leben in mehreren Wirklichkeiten. Dass sich hinter dem, was uns in unserem Leben begegnet, was wir sehen, hören, erfahren, was uns beschäftigt, noch eine weitere Wirklichkeit steht, merken wir, wenn uns nach dem Aufwachen Träume beschäftigen. Sei es, dass wir noch leicht in Glückseligkeit schweben, weil uns angenehme Erlebnisse und Empfindungen aus Träumen noch tragen, sei es, dass wir uns wie zerschmettert vorkommen und wie gelähmt, weil ein Albtraum uns nachgeht und Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Angst uns schwer auf der Seele liegen.

Die Psychologie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen unserem Leben und unseren Träumen. Dass es zwischen beiden einen engen Zusammenhang gibt, steht auch schon die Bibel.

In Prediger 5, Vers 2a steht: "Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume... ".

Der von seinen Brüdern gehasste Joseph begegnet in seinen Träumen einer Welt, in der die anderen nicht mehr auf ihm herumhacken, sondern er oben steht und ihre Achtung erfährt.

Pfarrer Martin Luther King, der die Schwarzen in den Vereinigten Staaten in ihrem Kampf für gleiche Bürgerrechte anführte, sprach auf dem Höhepunkt seines Kampfes in seiner berühmten lezten Rede vor seiner Ermordung von seinem Traum einer Welt, in der Schwarze und Weiße als gleichberechtigte Bürger wie Schwestern und Brüder zusammenleben und einander achten.

In unserer Zeit, in der das Zusammenleben der Völker von Terroristen - in den verschiedensten Gewändern - bedroht ist, die von Allmachtsphantasien bestimmt sind, zeichnen Politiker und Philosophen eine neue Weltordnung, die nicht von Gewalt als Mittel der Durchsetzung eigener Ziele, sondern von dem Mut zu einer nachhaltigen Auseinandersetzung mit dem "Feind" bestimmt ist, die eine gemeinsame Einigung auf der Basis von gerechtem Ausgleich der verschiedenen Interessen anstrebt, deren Frucht ein gerechter Frieden sein soll.

"Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume...". Wenn wir bei uns aufmerksam auf unsere Träume achten, dann werden wir in ihnen auch ein Spiegelbild der Mühen unserer Tage entdecken. Wir werden an ihnen spüren, wie wir uns mit den Mühen unseres Lebens auseinandersetzen und die Mühen in unseren Träumen auch überwinden in eine neue Wirklichkeit hinein.

Mühe und Träume sind der Widerspruch, mit dem wir leben. Die Realität hält uns fest, aber es lohnt sich, "daran" zu bleiben. Unsere Träume sollen nicht Schäume, sondern Hoffnungsbilder sein. Sie werden zu Zielen, für die sich die Mühe lohnt, sich einzusetzen und zu leben. Unter Umständen kostet es große Anstrengungen, Kraft, Fantasie und Zeit, um Träume wahr werden zu lassen.

Der Gott, der Hoffnung macht,
schenke unseren Träumen langen Atem,
dass uns nicht alle guten Geister verlassen,
dass uns die Liebe nicht ausgeht zu allem Lebendigen,
dass die Zärtlichkeit uns zu Nächsten macht,
dass, wo immer wir auch sind,
Friede und Gerechtigkeit sich küssen.

Gott, der nach der Meinung der Bibel uns unsere Träume schickt, gebe uns fruchtbare Träume und Mut, sie in unserem Leben dann auch wahr werden zu lassen.

Ihr Michael Comtesse, Pfarrer

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