Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 99, August 2003


Gipfelerlebnisse

von Pfarrer Michael Comtesse

Blick auf Airolo/Tessin

Ganz oben zu sein - nach einer anstrengenden Klettertour oben auf dem Fels zu stehen oder nach einem langen Anstieg auf steilem Bergpfad oben auf dem Gipfel: Der Blick in die Weite. Schier unendlich der Horizont. Unter mir Wälder, grüne Hügel, Dörfer.

Es ist herrlich, ganz oben zu sein, wirklich ein überwältigendes Gefühl.

Nach der schweißtreibenden Anstrengung, der Mühe, vielleicht auch Gefahr - einfach oben stehen und schauen. Nicht viel reden, den überblick haben, die Ruhe genießen, versuchen, dieses überwältigende Gefühl tief in sich einzuprägen.

Eine bestandene Prüfung kann auch so ein Gipfelerlebnis sein. Die monatelange Arbeit hat sich gelohnt. Das Ziel ist erreicht.

Oder das Wiedersehen mit einem Menschen, einem Ort. So viele wertvolle Erinnerungen verbinden mich mit ihm. Was gäbe ich doch darum, wenn dieser Moment nie verginge... Es ist schön, auf solchen Bergen zu sein. Am liebsten möchte ich dort bleiben.

Aber das geht nicht. Wir können nicht immer oben bleiben. Wir müssen wieder hinab ins Tal. Dort ist unser Zuhause. Wir müssen zurück von dort, wo die Welt wie ein offenes Buch vor uns liegt, zurück in die Niederungen, wo wir oft genug den überblick zu verlieren drohen.

Aber ich nehme etwas mit, was mir niemand nehmen kann: Die Erinnerung an dieses überwältigende Erlebnis, das Gefühl, abheben zu können, den Weitblick von oben.

Auch das Bild vom Gipfelkreuz, das dort oben steht, nehme ich mit.

Auf den Gipfeln der Berge steht meist ein Kreuz. Es soll uns an Gott erinnern, als sein Zeichen, das er aufgerichtet hat über aller Welt. Aber er ist nicht nur der Höchste; er ist auch mit uns hinuntergestiegen in die Niederungen unseres Lebens. In Jesus ist er Mensch geworden, uns ganz nahe gekommen, indem er unsere Wege ging, bis ganz unten, ans Kreuz.

Das Kreuz auf den Bergen erinnert uns: Gott, der Höchste, hat seinen Thron über den Dächern der Welt aufgegeben, weil er dort sein will, wo wir sind: In den Tälern. Unten. Manchmal ganz unten.

Ganz oben auf dem Gipfel zu sein ist wunderbar. Dort steht meist ein Kreuz. Und erinnert uns daran, dass Gott mit uns hinab geht ins Tal.

Erholsame Sommertage wünscht Ihnen

Ihr Michael Comtesse, Pfarrer

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