Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 101, Dezember 2003


Das Kind in der Krippe - alle unsere Kinder...

von Pfarrer Michael Comtesse

Bethlehem, der Geburtsort unserer Weihnacht, war schon immer ein Ort des Leidens von Kindern. Der Prophet Jeremia schreibt: "Ein Geschrei hat man in Rama gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie sind nicht mehr" (Jer. 31,15).

Rama liegt auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Ramallah, aber der Evangelist Matthäus nennt es in einem Atemzug mit Bethlehem. Im Deportationslager von Rama musste der Prophet Jeremia die Angst- und Klageschreie der Familien mitanhören, die nach der Zerstörung Jerusalems auf ihren Abtransport (heute wird von "Transfer" gesprochen) in die Babylonische Gefangenschaft warteten. 675 Jahre später schreibt Matthäus in seinem Evangelium von dem Kind und den Kindern im Schatten des Herodes. Um das eine Kind zu beseitigen, durch das er seine Herrschaft gefährdet sah, ließ er alle neugeborenen Knaben in Bethlehem umbringen. Damals erfüllte sich wieder, was durch den Propheten Jeremia einmal so bezeugt wurde.

Rama, Bethlehem - Ortsnamen für eine Welt, in der schon Kinder in Lebensgefahr sind durch die Anschläge derer, die wir die "Großen" nennen. "Groß" scheinen uns immer noch die zu sein, die ihre Interessen und Ansprüche, ihren Glauben und ihr Kalkül um jeden Preis und mit Waffengewalt durchsetzen und dabei den Tod von Kindern als "Kollateralschaden" in Kauf nehmen.

Heute, zweitausen Jahre nach Matthäus müssen wir mit Schrecken erkennen: Heute erfüllt sich wieder - in Bethelehm, in Jerusalem, in New York, in Bagdad, bei Kabul und Kandahar und in Istanbul was schon Jeremia und Matthäus einst bezeugt haben.

Kinder als Opfer von gezieltem Beschuss, Kinder als Opfer von Selbstmordatentätern, Kinder auf der Flucht, ohne Zuhause.

Wieder und wieder sehen wir das palästinensische oder israelische Gesicht einer weinenden Rahel. Wir haben Bethelem nicht ohne Rama. Wir haben unser stimmungsvolles Weihnachtsfest nicht ohne das Elend der vielen Kinder auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Wir haben das Kind aus Bethlehem nicht ohne Herodes, den Kinderschlächter. Auch zu Weihnachten nicht.

Von "Kriegsweihnacht" erzählten meine Eltern in meiner Kindheit. Von Kriegsweihnacht werden wir, eine Generation später, unseren Kindern wieder erzählen müssen. Und es wird sich wieder und wieder "erfüllen", bis das Kind, das in Bethlehem den schweren Weg zum Kreuz beginnt, wirklich Platz bei uns hat, wirklich in unseren Herzen angekommen ist.

Schon kleine Kinder gehen drauf, wo wir mit Angstmacherei, Macht, Gewalt und Vergeltung unser Recht durchsetzen.

Das ist die eine Wahrheit von Bethlehem.

Aber Matthäus kann ja, Gott sei Dank, mehr erzählen. Ein Kind, wenigstens ein Kind ist durchgekommen. Voller Staunen bezeugt Matthäus in seiner Weihnachtsgeschichte, wem Gottes uneingeschränkte Solidarität gilt: Einem verfolgten Flüchtlingskind. Du Menschenkind, mein lieber Sohn, bei dir bin ich, bei dir beibe ich, bei dir bin ich zu finden, mit dir warte ich auf meinen und deinen Tag. In Bethlehem und Ägypten, in Nazareth und Jerusalem, im Irak und Afganistan, auf der Flucht, auf deinem Weg über Grenzen, wo du ins unscheinbar Verborgene verdrängt wirst, wo du geopfert werden sollst und dein Tod hingenommen wird, auf deinem und meinem Weg des Friedens.

Bethlehem - wenigstens ein Kind kommt durch, bis zu uns hin, damit wir uns in ihm wiedererkennen und uns mit ihm angesprochen fühlen und klar sehen, auf wessen Seite Gott ist, wem unsere Solidarität zu gelten hat, und die Hoffnung, den Mut und die Verantwortung für alle unsere Kinder nicht aufgeben.

Wenn wir das über all den vielen Lebkuchen, Glühwein und Lichterglanz nicht vergessen, dann kann es auch bei uns wirklich Weihnachten werden.

Es grüßt Sie

Ihr Michael Comtesse

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