Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 102, Februar 2004


Bleiben im Vergehen

Besinnung zur Jahreslosung 2004

von Pfarrer Michael Comtesse

Jesus Christus spricht:
Himmel und Erde werden vergehen; Meine Worte aber werden nicht vergehen. Markus 13,31

Alles ist in Bewegung, nichts hat Bestand, alles ist vergänglich... Wir Menschen von heute müssten das doch - besser als alle Generationen vor uns - in unsrer schnelllebigen Zeit aus eigener Erfahrung bestätigen können. Nicht nur die Älteren unter uns, schon die im mittleren Alter, verfügen über viele oft leidvolle Erfahrungen, wie viel sich doch in ihrem Leben bereits verändert hat. In ihrer Kindheit, wo gab es da in einem Haus Telefon, Fernseher, ein Auto? Da gab es keine Kanalisation, keine befestigten Straßen, keine Urlaubsreisen.

Und heute? Was hat sich alles verändert! Und in was für kurzer Zeit! Schallplatten und jetzt auch Cassetten: out! Bei Computern, Internet, Handys, Entwicklung unserer Autos: Die Entwicklungen überschlagen sich. Was heute auf dem neuesten Stand ist, ist morgen veraltet. Nichts hat Bestand. Und wenn wieder Elektromüll ist und die Straßenränder sind gesäumt von Elektroherden, Fernsehern, Stereoanlagen und Computern, dann haben wir es vor Augen: Alles ist vergänglich.

Und keine Generation vor uns hat, wie die unsere bisher, die Erde so strapaziert durch hemmungslose Ausbeutung von Bodenschätzen, lebensbedrohende Klimaveränderung durch Umweltverschmutzung, durch für nicht absehbare Generationen aufgebürdete Altlasten, wie z.B. durch die Atomenergie.

Und an uns selbst registrieren wir unsere Vergänglichkeit. Wir werden älter und von Jahr zu Jahr spüren wir von Neuem: Es geht nicht mehr so, wie früher. Und die Todesanzeigen in der Zeitung, von denen, die so alt waren, wie wir, oder jünger, konfrontieren uns mit unserem Tod. Und dem versuchen wir ja, wie keine Generation vor uns, zu trotzen durch modische Kleidung, die uns jünger macht, durch Kosmetik, die unsere Falten aufhalten oder verdecken, durch Fitnesstraining, das uns unser Jungsein erhalten möge, durch medizinische Forschung, die den Alterungsprozess möglichst weit hinausschieben soll.

Und doch hat nichts Bestand: Kein Star und kein Politiker, keine Rocklänge und keine Form der Hemdkragen, kein Computer und kein Handymodell.

Die alte Bibel ist da unheimlich realistisch. Alles ist vergänglich. Die Menschen mit ihren Moden und Erfindungen, ihren Ideen und Prognosen, ja Himmel und Erde selbst werden vergehen. Und wir müssen zugeben: Recht hat sie.

Wir spüren die Bedrohung der Welt und unseres Lebens am eigenen Leib. Wie leicht kann doch, was gestern noch undenkbar war, uns heute schon wiederfahren. Und wer sich heute sicheren Schrittes wähnt, der kann morgen schon fallen.

Die Bibel warnt uns: Sei dir nicht so sicher. Auf dieser Welt gibt es nichts, das ewig ist, nichts, das letzte Sicherheit gibt, keine Versicherung, kein Bunker, kein Versprechen, kein Wort.

Doch, es gibt ein Wort, aber das ist nicht von dieser Welt.
Dieses Wort hat vielmehr diese Welt und unser Leben ins Dasein gerufen. Dieses Wort stand vor aller Zeit, ungeworden und unvergänglich, voller Energie und mit einem Plan. Alles, was war, was ist und sein wird, ist aus diesem Wort hervorgegangen. Ein Wort nur und es wurde Licht, es wurden die Gestirne und die Erde, es wurden die Seen und die Gebirge, die Tiere und die Menschen.
Ein Wort nur und mir wurde das Leben geschenkt.

Dieses Wort kam in die Zeit, wurde Fleisch, teilte die Vergänglichkeit, spürte den Schmerz und die Angst. Das Wort kam in die Welt, damit wir Gewissheit und Hoffung haben, mit der wir auch über schwankende Schwellen und bebenden Boden gehen können. Dieses Wort ist wie ein Seil, nach dem wir fassen können, das uns hält, wenn wir zu fallen drohen, das uns herausreißt, wenn um uns alles einstürzt. Gott hat sich in diesem Wort an uns gebunden, es hat uns angesprochen und angenommen, es hat uns das neue Leben versprochen und wir dürfen es jetzt schon spüren.

Auf dieses Wort wollen wir - mitten in aller Vergänglichkeit - vertrauen, so, wie es der Liederdichter in unserem Gesangbuch, Paul Gerhard, bereits vor 340 Jahren so eindrücklich in Verse gefasst hat:

Alles vergehet, Gott aber stehet ohn' alles Wanken;
seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden,
heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen,
halten uns zeitlich und ewig gesund.

Er grüßt Sie mit den besten Wünschen für das Neue Jahr

Ihr Michael Comtesse

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