Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 104, Juni 2004


"Da müsste die Kirche 'was tun'"

von Pfarrer Michael Comtesse

Haben Sie das nicht auch schon mal gedacht: "Da müsste die Kirche 'was tun' "? Als die Oma krank war? Als die Frau nebenan durch die Scheidung in Not kam? Oder als in der Nachbarschaft jemand neu einzog? Und, und und ...

So ging es auch der Frau, die ich nach der Beerdigung ihres Mannes besuchte. Ihre Tochter, die weit weg wohnte, war auch gerade da. Im Gespräch sagte die Frau auf einmal: "Ich hatte wirklich darauf gewartet, dass Sie meinen Mann während seiner schweren Krankheit vor seinem Tod einmal besuchen kommen. Aber bis heute hatte uns keiner von der Kirche besucht. Das muss ich Ihnen einmal offen sagen".

Ich versuchte darauf einzugehen, nannte die große Zahl von hilfebedürftigen Menschen in unseren Dörfern, wies sie darauf hin, dass sie doch einmal einem Mitglied des Presbyteriums einen Hinweis hätte geben können, dass ihr an einem Besuch gelegen gewesen wäre. Umsonst. Die Frau blieb dabei.

Da mischte sich die Tochter ein und sagte: "Ja, das kann wohl sein, Mutti, dass du Recht hast. Aber es gibt halt viele alte und kranke Menschen in der Gemeinde, die sich über einen Besuch freuen würden. Und vor allem, sind wir doch einmal ehrlich: Als es dir und Vati noch gut ging und ihr noch rüstig ward, habt ihr da gesagt: 'Wir haben Zeit. Können Sie uns nicht ein paar Leute nennen, die wir besuchen können?' Was man selbst nicht investiert hat, das kann man von anderen nicht verlangen!"

Die Frau schwieg betroffen. So hatte sie das bisher nicht gesehen.

Mich hatte das Gespräch noch längere Zeit beschäftigt. Nicht nur die Selbstverständlichkeit, mit der die Frau angenommen hat, dass der Pfarrer weiß, wie es in den Familien aussieht. Nein, die Tochter hatte ja auch Recht: Geht es mir gut, vergesse ich leicht die, die meine Hilfe brauchen. Ich verbrauche meine Zeit für mich selbst. Geht es mir aber schlecht, dann klage ich, dass keiner Zeit für mich hat.

"Man bekommt nur das heraus, was man investiert" - das ist ja eher ein kaufmännischer Grundsatz, keiner aus dem christlichen Glauben. Immerhin hatte er der Frau eingeleuchtet.

Ob es Ihnen einmal so gehen wird wie ihr? Es kommt darauf an, ob Sie und andere in unserer Gemeinde etwas von ihrer Zeit an andere abgeben, sei es aufgrund des Gebotes der Nächstenliebe oder aus anderen Motiven. Von solchen Menschen haben wir nicht genug, haben wir nie genug.

Die, die es tun, sagen, dass sie stets mehr herausbekommen, als sie investiert haben. Dass, wenn sie sich um andere gekümmert haben, sie das selber bereichert hat. Dass sie dadurch froher und dankbarer geworden sind.

Wie steht es mit Ihnen? Wollen Sie nicht Zeit investieren? Schauen Sie sich in Ihrer Nachbarschaft um, oder fragen Sie mich, Ihren Pfarrer.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Michael Comtesse

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