Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 108, Februar 2005


Glaube kann Berge versetzen

Gedanken zur Jahreslosung

von Pfarrer Michael Comtesse

Jesus Christus spricht:
Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.

Lukas 22,32
Berg in Bewegung

"Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre".

Dieses Wort, die Jahreslosung für dieses Jahr, sagt Jesus im Gespräch mit seinen Jüngern am Abend vor seiner Verhaftung. Das Wort gilt Petrus, dem felsenfesten und wankelmütigen Menschen, stark und schwach zugleich, Bekenner und Verleugner. Wie schnell lässt er sich begeistern, ist Feuer und Flamme. Aber genauso schwer fällt es ihm auch, bei der Sache zu bleiben und standzuhalten, wenn ein langer Atem gebraucht wird. Durch die Gefangennahme Jesu wird er in die größte Krise seines Lebens geführt. Und er wird kläglich versagen, als es darum geht, seinen Mann zu stehen und Farbe zu bekennen. Deswegen spricht Jesus seinem Jünger Simon Petrus zu:

"Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre".

Erstaunlich ist doch, dass Jesus sich in dieser Lebens- und Sinnkrise für Petrus so stark einsetzt. Er möchte seinem Jünger Petrus helfen, das Vertrauen in Gottes gute Führung nicht zu verlieren.
Petrus kann es nicht verstehen, dass Jesus den Kelch trinken muss, den sein Vater für Ihn vorgesehen hat. Dass er dem Leid, der Demütigung, ja selbst dem Tod nicht ausweicht. Dass er nur so in der Auferstehung den Tod besiegen kann.
In der ausweglosen Situation nach der Gefangennahme und Verurteilung Jesu kann Petrus das nicht verstehen. In seiner Verzweiflung sieht er sich allein. Erst später, als ihm am See Genezareth der Auferstandene die Hand reicht und ihn so vor dem Untergang bewahrt gewinnt er wieder die Hoffnung zurück.

Erkennen wir uns in Petrus wieder?
Da gibt es Zeiten gebrochener Versprechen und Tage der Unsicherheit, aber dann auch wieder heldenhafter Bekennermut und Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung. Und es gibt Glaubenskrisen, wo wir verzweifelt nach einer Hand suchen, die uns wieder Sicherheit und Halt gibt. Die uns eine Verschnaufpause gönnt, in der wir nach Auswegen und Lösungsmöglichkeiten Ausschau halten und wieder neu festen Boden unter unseren Füßen gewinnen können. Wo wir dann in der Rückschau glaubend erkennen, dass wir dort, wo wir uns von allen alleingelassen wähnten, unser Blick nur verhüllt war, sodass wir nicht wahrnehmen konnten, dass Gottes Hand uns hielt und er uns durch das tiefe Tal der Gottesferne trug.

Ein Glaube, der nicht aufhören soll - gerade das Beispiel des Petrus zeigt: Es gibt mit Gottes Hilfe immer wieder einen Weg aus Krisen, die den Glauben in Frage stellen. Gerade er wird später zum Glaubenszeugen, der anderen hilft, ihren Glauben zu finden.

Das Beispiel des Petrus will uns Mut machen, auch in Krisenzeiten glaubend auf Gottes Beistand zu vertrauen. Und es lässt uns hoffen, dass es nicht umsonst ist, mit Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen ins Gespräch über den Glauben zu treten.

Die Jahreslosung: "Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre" trifft uns aber auch in der gesellschaftlichen Situation, in der wir gegenwärtig in Deutschland leben. Wie eine tiefe Depression liegt in diesen Tagen eine merkwürdige Stimmung über unserem Land. Wir werden das Gefühl nicht los, es irgendwie nicht zu schaffen. Wir sind auf eine seltsame Weise niedergeschlagen, ohne Mut und ohne Hoffnung und viele sehen einfach keine Zukunft mehr für sich. Die Arbeitslosigkeit ist scheinbar nicht in den Griff zu kriegen. Der erwartete wirtschaftliche Aufschwung bleibt aus. Viele Menschen haben das Gefühl, es wird immer schlimmer. Wir verharren in der Krise unserer "Wohlstandsgesellschaft" und sind gelähmt wie Petrus am Feuer in der Nacht des Verrats.

Dann kam am 2. Weihnachtstag die Flutwelle, die im fernen Südostasien weit über hunderttausend Menschen in den Tod riss, eine Bevölkerung von der Größe von Rheinland-Pfalz zu Obdachlosen machte und bei uns eine nie für möglich geglaubte Welle der Hilfsbereitschaft auslöste. Die schrecklichen Bilder von Zerstörung, Armut, Leid und Tod lenkten für viele ihren Blick weg von sich selbst. Sie führten uns in aller Deutlichkeit vor Augen, dass die meisten von uns doch frei von existenziellen Sorgen und Nöten sind und verstärkten so unsere Betroffenheit. Die großen Summen, auch privater Spenden, sollen das Leid der von der Flutkatastrophe betroffenen Menschen lindern helfen, sollen sie in die Lage versetzen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und an einer neuen Zukunft zu bauen.

Aufwachen!
Anpacken, was vor mir liegt!
Glaubend erkennen, dass Gott es gut mit mir meint und mir zur Seite steht!

Petrus blieb nicht in der Krise stecken. Er ergriff entschlossen die Hand des Auferstandenen und begann ein wirklich mutiges Leben. Jesus ermutigt uns, es ihm gleichzutun, wenn er sagt:

"Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre".

Es grüßt Sie

Ihr Michael Comtesse

zum Seitenanfang