Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 118, Oktober 2006


Es geht durch unsere Hände...

Gedanken zu Erntedank

 

Obstkorb

Das Mittagessen steht auf dem Tisch und die Familie sitzt drum herum. „Können wir jetzt beten?", fragte die Mutter. Die dreijährige Tochter fragt dazwischen: „Warum beten wir eigentlich?" Nach kurzer überlegung antwortet die Mutter: „Wir wollen Gott Danke sagen, dass er uns alles gibt, das Essen und so." - Darauf die Kleine: „Aber Mutti, du hast doch gekocht."

Damit hatte sie die Frage auf den Punkt gebracht: wozu noch beten in einer Welt, in der alles machbar zu sein erscheint.
Die Lebensmittel werden produziert, sie brauchen nur noch im Supermarkt gekauft zu werden. Das Geld dafür wird durch Arbeit verdient, Unsere Kleider werden in Fabriken gewebt und genäht, unsere Wohnungen werden von Bauarbeitern und Handwerkern gebaut. Die Wachstumsprozesse in der Natur sind wissenschaftlich fast restlos geklärt, in den Reagenzgläsern der Forscher werden neue Organismen gezüchtet. Was noch nicht von Menschen gemacht wird, erscheint doch bald machbar. Gott wird mehr aus unserem Denken und aus dem Alltag verdrängt.

Da ist es gut, dass wir Anfang Oktober das Erntedankfest feiern. Auch für uns, die wir - anders als die Stadtbewohner - noch mehr Bezug zum Wachsen und zur Ernte haben, ist das ein wichtiges Fest. Erntedank - das ist ein Fest gegen den Machbarkeitswahn. Es ist ein Anlass, dass wir uns wieder bewusst werden: Wir leben letzten Endes von dem, was Gott uns schenkt. Unser Leben, die Natur um uns und die Menschen in unserer Umgebung - alles haben wir Gott zu verdanken. Nicht vom Machen leben wir, das Entscheidende empfangen wir. Oder, wie es in dem alten Erntedanklied von Matthias Claudius, das die Schulkinder so gerne singen, heißt:
"Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott."

Es geht durch unsre Hände - diese Worte kommen mir manchmal in den Sinn: wenn ich sehe, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Sterbende Bäume, kranke Rinder, Schafe und Hühner, verseuchte Flüsse und Meere, das wachsende Ozonloch ... immer wieder zeigt sich, was dabei herauskommen kann, wenn Gottes gute Schöpfung durch unsere Hände geht. Das Erntedankfest kann uns daran erinnern: Die Schöpfung ist uns von Gott anvertraut, und wir stehen in der Verantwortung, wie wir damit umgehen. Ob wir gut leben können auf dieser Erde, das wird davon abhängen, dass wir verantwortlich mit dem umgehen, was Gott in unsere Hände gelegt hat.

Ich hoffe, dass wir uns nicht nur, aber auch, an Erntedank an diese Verantwortung erinnern.

Zu unseren Festgottesdiensten zu Erntedank lade ich Sie sehr herzlich ein.

Ihr

Michael Comtesse

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