Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 119, Dezember 2006


Stille Nacht, Heilige Nacht...

ein Licht in der Dunkelheit

 

Sterne

Die Nacht damals vor zweitausen Jahren an die wir uns in der Heiligen Nacht zurückerinnern, war sie so still? Wie haben sie wohl die Hirten auf den Feldern vor Bethlehem damals erlebt? Vermutlich saßen die Männer um ein kleines Feuer herum. Wohl kaum hatten sie eine romatische heilige Nacht. Sie mussten die Herden der reichen Leute bewachen, gegen Angriffe von Raubtieren schützen - ein hartes Geschäft, schlecht bezahlt dazu.

Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass diese Nacht damals ruhig geblieben war. Stille Nacht! Sie saßen vor dem Feuer und schwiegen. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, dachte an die Ereignisse der vergangenen Stunden, der letzten Tage und Wochen. Manches Schöne war passiert: hier und da hatte man sich gefreut. Je länger sie aber so dasaßen, desto mehr machten sich die kleinen und großen Sorgen in ihren Herzen breit - Sorgen, die wir so oder ähnlich ja auch kennen.

Ein 19-jähriger Mann war im Streit von zu Hause weggegangen - wie so oft in letzter Zeit. Seine Eltern und er waren sich fremd geworden. "Was habe ich nur falsch gemacht?" grübelte er.

Sein älterer Nachbar hatte Sorgen ganz anderer Art. Gerade heute war ihm wieder das Gerücht zu Ohren gekommen, der Besitzer müsse seine Herden verkaufen: Sie werfen nicht mehr genug Profit ab. Was sollte dann aus seinem Arbeitsplatz werden?

Auch sein Gegenüber quälte Zukunftsangst. Seine Furcht galt jedoch eher der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung. Immer weiter öffnete sich die Schere zwischen Arm und Reich: Stets wuchs die Gefahr, in die völlige Armut abzurutschen, eines Tages völlig mittellos dazustehen - und niemand schien in der Lage zu sein, diese Entwicklung zu stoppen. Was konnte er denn tun?

Den Vierten schließlich standen Tränen in den Augen. Vor sechs Wochen war seine Frau gestorben - nun hatte er niemanden mehr, war allein. Ob er je wieder Freude am Leben haben würde?

Da wird es plötzlich hell Die Hirten fahren zusammen. Ist es denn schon Tag geworden? Unmöglich! Um sie herum ist es so dunkel wie zuvor. Nur sie selber sind mitsamt ihren Herden in strahlendes Licht getaucht. Da bekommen sie Angst. Denn dieses wundersame Licht kann ja kaum etwas anderes als ein Zeichen sein, ein Zeichen für Gottes Gegenwart. Das Licht macht sie sichtbar für andere - und es zeigt damit an: Gott sieht sie jetzt - so, wie sie dasitzen.

Und da kann einem schon Angst und Bange werden - wenn einem klar wird: Gott sieht das eigenen Leben so, wie es ist. Denn das heißt: Gott sieht es mit all den Dunkelheiten, die man so gern vor anderen verbirgt - und auch vor sich selber. Gott sieht die Angst und die Sorgen, die Trauer und die Einsamkeit, das Versagen und die Schuld; sieht auch die Ungerechtigkeit und den Unfrieden, die das Zusammensein der Menschen weithin prägen. Und indem das deutlich wird, wird einem ja auch selber klar, was das eigene Dasein verfinstert. Kann man da anders, als sich fürchten?

Gott lässt jedoch den Hirten damals - und er lässt uns heute sagen:

"Fürchtet euch nicht!"

Das heißt doch: Gott nimmt es ernst, wenn wir uns fürchten. Und Gott will, dass wir diese Furcht auch selber ernst nehmen - gerade in der Heiligen Nacht. In der Weihnachtsbotschaft geht es zuerst um unsere Furcht. Wer davor die Ohren verschließt, wird auch die übrige Botschaft nicht hören können.

Und nun heißt es:

"Fürchtet euch nicht!"

Gott nimmt die Furcht vor den Dunkelheiten unseres Lebens ernst - so ernst, dass Gott sich aufmacht, um selbst der Dunkelheit entgegenzutreten. Gott kommt in die Welt - was für eine Botschaft!

Das armselige Kind in einem Futtertrog, es macht uns deutlich: Gott lässt sich ein auf diese Welt. Gott geht in die Dunkelheit der Welt hinein; nimmt selbst Angst, Schuld und Unfrieden auf sich. Gott ist bei uns in unseren Dunkelheiten - gerade, wenn wir über den Verlust eines lieben Menschen nicht hinwegkommen, gerade wenn uns Sorgen über die Bedrohungen der Zukunft und Schuldgefühle uns drücken. Gott lässt uns nicht allein. Er macht unsere Dunkelheit hell.

Zwar schickt er nur ein kleines Licht, aber doch ein Licht, das die Nacht durchbricht und uns den Weg weist, der aus der Dunkelheit herausführt.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie das in Ihrem Leben erfahren - nicht nur in der Heiligen Nacht.

Ihr

Michael Comtesse

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