Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 124, Oktober 2007


November

 

November
November. Nebelige Tage. Die Uhren sind umgestellt. Mit der Sommerzeit hat sich der letzte Rest der lichten Jahreszeit aus dem Staub gemacht. Und schon naht mit Riesenschritten und doch auf leisen Sohlen der Advent.

November. Der Toten wird gedacht. Alles scheint in moll gestimmt Man fährt im Dunkeln zur Arbeit als reise man in einen tiefen Schacht Und abends kehrt man im Licht von tausend Scheinwerfern nach Hause zurück. Es ist ungemütlich kühl, aber noch nicht knackig kalt.

November. Die Gewissenhaften unter uns machen jetzt Besorgungen, kaufen für Weihnachten ein oder vervollständigen die Skiausrüstung. Die Kinder basteln, in den Büros bereitet man die Jahresabschlüsse vor. Die Mitarbeiter vereinbaren noch rasch einen Sack voll Termine. Sie wissen es: im Dezember geht nichts mehr. Da jagt eine Weihnachtsfeier die andere.

November. Die erste Erkältungswelle grassiert, die Wartezimmer der Ärzte füllen sich und die Zeitungsseite mit den Todesanzeigen auch. Blei scheint in der Luft zu liegen. Keiner lacht. Nur der Weinhändler, der jetzt kistenweise Rotweine verkauft.

Hat eigendlich jemals jemand freudig den November besungen? Die frohen Lieder, die jeder kennt, besingen den lieben Advent oder sehnsuchtsvoll den Lenz, den Sommer am Meer, den September in den Bergen, die Weinlese im goldenen Oktober. Der November ist das Spezialgebiet für düstere Gesänge, für Requien und Elegien. Die grauen Nebel wallen. Wer jetzt kein Haus baut, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, warnt der Dichter Rilke.

November. Die Gaststätten sind voller als sonst. An großen Tischen vertilgt man Martinsgänse. Rotwangige Bedienungen durchpflügen den Saal; mit erfrischendem “Plopp“ öffenen sie ein neues Fläschchen aus Burgund.

November. Wer jetzt zusammenrückt und fröhlich zecht, wird nicht lange allein bleiben. Da sitzen zwei Menschen am frühen Sonntagabend, einander zugeneigt über einen kleinen Tisch und sehen sich, das Glas erhebend, in die Augen. Einen langen Spaziergang lassen sie im Gasthof in einen langen Abend übergehen. Spazierengehen im November, das tut gut. Zum Radfahren ist es wirklich schon zu kühl.

November. Unter der Decke kuscheln und Urlaubspläne schmieden. Vor dem wohlige Wärme ausstrahlenden Ofen sitzen und in die munteren Flammen des knisternden Feuers schauen und träumen. Und Karten kaufen für ein schönes Konzert. Und wieder mal ins Kino gehen.

November. Die großen Taten sind geschehen oder werden längst noch nicht begonnen. Eine Chance fürs eigentliche Leben. In den Hallenbädern tollen die Väter mit ihren Kindern. Die Kirchenchöre proben das Weihnachtsprogramm und haben Spaß dabei. Jetzt ist es Zeit, den dicken Schmöker wieder herauszukramen, über dem man im Sommer auf der Liege so oft eingeschlafen ist.

November. Man ehrt die Toten. Am Volkstrauertag auf dem Friedhof die Opfer der Kriege und Gewalt. Am Totensonntag besucht man die Gräber naher Verwandter. Staub wird aus Fotoalben geschüttelt und Opa auf vergilbtem Hintergrund anno 1970 betrachtet. Gut, ein wenig wehmütig kann es einem da schon werden. Und gleich darauf schüttelt man sich vor Lachen, denn Großvater ließ sich nicht so gerne fotografieren. In der letzten Woche des Monats Stille, Ruhe suchen, zur Besinnung kommen, Einkehr halten. Buß- und Bet-tag.

November. Kein Strahlemonat im Jahresreigen, aber ein Monat mit Tief gang, mit vielen Gelegenheiten, Tiefe immer wieder neu auszuloten.

Dass Sie sich auf tiefem Grund geborgen finden, das wünscht Ihnen

Ihr

Michael Comtesse

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