Protestantische Kirchengemeinde Neunkirchen am Potzberg

Gemeindeblättchen Nr. 130, Oktober 2008


Erntedank

 

Erntedank

Einmal im Jahr schmücken wir den Altar mit Früchten unserer Gärten und des Feldes. Sie sind Zeichen für alles, was unserem leiblichen Leben dient und wofür wir zu danken haben. Wir wissen, dass wir nicht nur auf gutes Wetter und die Natur elementar angewiesen sind, sondern auch auf Gottes gute Gabe der Schöpfung, die wir bebauen und bewahren sollen. Wir sind froh darüber und auch dankbar dafür.
Und das soll an Erntedank deutlich werden.

Wir danken nicht nur für Essen und Trinken, sondern auch für Kleider und Wohnung, Arbeit, Erholung, die Sonntagsruhe, Familie und Freundschaft, soziale Dienste, wie die Sozialstationen und unsere Absicherung im Alter.
Wir beziehen in unseren Dank die Menschen ein, die sich einsetzen für all das, was wir brauchen für unser irdisches Leben: Die Bäuerinnen und Bauern, die Erntehelfer und alle, die für gerechte Verteilung sorgen.
Wir haben genug zu essen, doch Millionen Menschen auf dieser Welt hungern. Die Getreidevorräte auf dem Weltmarkt sind drastisch geschwunden. Das hängt mit der Verbesserung der Lebensqualität der Mittelschichten in Indien und China zusammen, die höheren Wohlstand erreichen und dies bedeutet eben mehr Fleischkonsum. Macht man sich bewusst, dass für ein Kilo Fleisch zu erzeugen 7 Kilo Getreide verwendet werden müssen, wird deutlich, wie sich die Weltemährungssituation durch diese Entwicklung verändert.

Neben den Hungernden denken wir an Erntedank auch an die Bauern, die als Schweinemäster oder Milcherzeuger zu den Verlierern des letzten Jahres gehören, weil sie keine gerechten Preise für ihr Fleisch oder die Milch erhalten. Faire Preise müssen hier ausgehandelt werden und wir Verbraucher müssen wieder lernen, dass Qualität auch ihren Preis hat und Grundnahrungsmittel nicht verramscht werden dürfen.

Zu Erntedank gehört auch, an die zu denken, die bei der weltweiten Globalisierung der Märkte zu den Verlierern gehören, an die, die kein oder nur wenig Geld in der Tasche haben und mit denen wir die Ernte teilen sollen, weil Gott über allen Sonne und Regenbogen aufgehen lässt.

Ja, Erntedank hat immer auch eine soziale, ja politische Dimension. Wir alle sitzen in einem Boot in unserer globalisierten Welt; was wir hier als gerecht für unsere Bauern ansehen, muss auch im Weltmaßstab Geltung erlangen. Dafür kämpft seit einem halben Jahrhundert BROT FÜR DIE WELT. Auch das ist ein Aspekt des Erntedankfestes.

Zunächst aber hilft uns Erntedank hoffentlich zu einer natürlichen und gesunden Ernährung zurückzufinden. Mit Recht wird der Verfall der Koch- und Esskultur und die McDonaldisierung unserer Gesellschaft beklagt. Hier gilt es gegenzusteuern: Sich Zeit für den Einkauf, das Zubereiten und dann auch das gemeinsame Essen in der Familie oder auch mit Freunden zu nehmen. In einer Zeit, wo vorwiegend allein und im Stehen Essen hinuntergeschlungen wird wieder zu einer Esskultur zurückzufinden, das wäre eine Bereicherung und ein Gewinn für jeden Einzelnen.
Das Feiern des Erntedankfestes erinnert uns schließlich auch daran: Wir haben eine Verantwortung für die nachfolgende Generation. Dass wir ihnen eine bebaubare und menschen- freundliche Welt übergeben und ihnen noch Handlungsspielräume belassen, innerhalb derer sie eigene Entscheidungen treffen können. Dient das, was wir tun, den Menschen? Dient es kommenden Generationen? Lässt es die Welt lebenswert? Wie wird unser Erbe sein? Hoffentlich keine Hypothek für künftige Generationen!
Die Schöpfung zu bewahren ist die Grundlage dafür, auch morgen noch ernten zu können. Was wir morgen ernten wollen, müssen wir heute säen. Auch im übertragenen Sinne: Wenn wir heute unseren Kindern und Kindeskindern nicht Ehrfurcht vor dem Leben, auch vor dem altgewordenen Leben, Wahrhaftigkeitstreben und Gerechtigkeitssinn vorleben und lehren, dann können wir nicht erwarten, dass sie morgen Verantwortung für eine solidarische und zukunftsfähige Gesellschaft mit menschlichem Antlitz übernehmen können oder wollen. Wenn wir heute christliche Grundeinstellungen und daraus folgendes Wertbewusstsein säen, wie wir zum Beispiel im Kindergottesdienst uns bemühen, es zu tun, dann ist das auch ein Beitrag zur Gerechtigkeit zwischen den Generationen.

Gut, dass es Erntedank gibt, dass wir das alles bedenken und für so viel danken können. Sie sind herzlich eingeladen, mit uns Erntedankfest zu feiern.
Es grüßt Sie

Ihr

Michael Comtesse

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